Hengst, Stute oder soll`s doch ein Wallach sein???


 

Natürlich ist der Spanische Hengst das Urbild des P.R.E.. Es gibt sogar Leute, die behaupten, in Spanien würden Stuten überhaupt nicht geritten und Wallache kämen praktisch überhaupt nicht vor.
Das ist ein Irrtum!
In der Gebrauchsreiterei wie etwa der Doma Vaquera werden fast nur Stuten und Wallache geritten, weil Hengste als Arbeitspferde im Umgang oft zu kompliziert sind. Sie sind letztlich doch immer ihren Hormonen unterworfen, was bedeutet, dass sie außer dem Treiben von Rindern meist noch ihre eigene Agenda haben; Hengste lassen sich weniger leicht „parken“, wenn der Vaquero etwa ein Rind zu versorgen hat, Siesta einlegen oder irgendetwas anderes tun möchte. Solche und ähnliche Gedanken sollte sich auch der potenzielle Halter eines Spanischen Pferdes in modernen Reitställen machen. Tatsächlich muss man sich genau überlegen, wen man sich da in den Stall holt. Der eigene Traum vom Pferd hat mit der Realität häufig weniger zu tun. Man muss hier allerdings an dieser Stelle auch deutlich sagen, dass man einen spanischen Hengst nicht mit einem „normalen“ Warmbluthengst vergleichen kann.

 

Was vom Hengst zu halten ist:

Ein Spanischer Hengst ist sicherlich die Personifizierung von geballter Kraft, Temperament und Schönheit, der Fleisch gewordene Traum aller kleinen und groß gewordenen Pferdemädchen und ein wundervolles Mittel, sich selbst zu Pferde so zu präsentieren, wie man sich immer schon mal darstellen wollte. In Spanien gilt der Hengst als Inbegriff des Männlichen und es fiele keinem Spanier ein, ein solches Kraftsymbol so ohne Weiteres kastrieren zu lassen.


Allerdings ist das nicht unser Problem. Stattdessen muss man sich darüber im Klaren sein, was es bedeutet, einen Hengst zu halten. Nicht jeder Pferdefreund ist einem Hengst gewachsen. Die Sanftmut Spanischer Hengste ist zwar legendär, und sie sind sicherlich freundlicher, umgänglicher und leichter zu halten als viele Hengste anderer Rassen. Das liegt unter anderem daran, dass Spanische Pferde über Jahrhunderte systematisch auch nach Charaktereigenschaften selektiert wurden – anders als etwas Sportleistungspferde, deren Charakterfestigkeit in der Zucht nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt: Hier ist die Hauptsache , das Pferd kann vorwärts gehen oder springen. Die Umgänglichkeit Spanischer Hengste hat aber auch noch einen anderen Grund. Sie erleben eine ausgesprochen strenge Kinderstube in Spanien. Pferde in Spanien sind Arbeitstiere oder repräsentationsmittel, jedenfalls kein Spielzeug, Schmusetier oder Freizeitspaß.


In Spanien wird mit Hengsten nicht geturtelt. Sie bekommen auch nicht pfundweise Pferdelekkerlis zugesteckt – „gib dem Hengst Zucker und er fängt an zu beißen“, lautet die gängige spanische Meinung -, und wer in Spanien den Hengsten näher kommt, wird bemerken, dass sie meisten sich nicht gerne am kopf anfassen lassen, weil sie es nicht gewohnt sind. Der Umgang mit den Hengsten ist streng, aber respektvoll, und das hat auch seinen Grund: Hengste sind anders!


Das Leben mit einem Hengst ist komplizierter als das mit einem Wallach oder einer Stute. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Viele Reitställe (außerhalb Spaniens) nehmen Hengste gar nicht erst auf, weil Hengste nämlich immer Unruhe in den Stall bringen Es ist schwieriger einen Hengst auf die Koppel zu stellen, weil man ihn eigentlich nur alleine auf die Weide stellen darf, und man in Pensionsställen furchtbar aufpassen muss, dass niemand versehentlich eine Stute daneben stellt. Denn wenn die Hormone in Unruhe kommen, nützt selbst der stärkste Elektrozaun nichts. Es ist schwieriger mit einem Hengst in der Gruppe zu reiten, weil er weniger an der freien Natur interessiert ist als an seiner eigenen. Das bedeutet, dass er eigentlich die Gruppe zusammenhalten muss, vermeintlichen Rivalen ihren platz zuweisen und als Herrscher über Hof und Stall immer an der Spitze gehen will. Als ausdrucksstarkes Sport- oder Showpferd, das einen nicht unbeträchtlichen Beschäftigungs- und Arbeitsaufwandes bedarf, ist der Hengst jedoch nicht zu schlagen: Imponiergehabe, Quintessenz der Ausstrahlung, liegt ja in seiner Männlichkeit.

Das Leben mit einem notorischen Angeber ist allerdings nicht jedermanns Sache. Erziehung und Umgange mit einem Hengst fordern seinen Besitzer im vollen Umfang. In Ermangelung einer Herde unter sich und damit einer Aufgabe muss die Bezugsperson eben die Herde ersetzen. Ein Hengst beobachtet seinen Menschen sehr kritisch und aufmerksam und betrachtet ihn als sozialen Partner. Er wird immer wieder und sein Leben lang versuchen die Position des Leittiers zu übernehmen – nicht aus Bosheit, sondern aus hormonellen Gründe: das ist nun mal sein Job als Hengst! Der Mensch muss ihm daher stets als konsequentes, zuverlässiges Leittier erscheinen. Begegnen wir ihm mit Angst oder Nachlässigkeit, wird er das ausnutzen, um sich durchzusetzen. Das bedeutet auch, dass man sich von seinem Hengst niemals in die Rolle eines Spielkameraden drängen lassen darf. Spiel ist immer gleichzeitig das Üben von Dominanzritualen, und das kann der kleine schwache Mensch körperlich nicht gewinnen. Das kleinste Kräftemessen mit einem Hengst kann zu gefährlichen Situationen führen, also muss man es unter allen Umständen unterlassen.


Der Mensch ist der Herdenboss, basta, und daran darf kein Zweifel aufkommen. Wer einen Hengst besitzt, führt, reitet oder fährt muss ständig aufmerksam sein. Ein Hengst lässt sich weniger gefallen als ein Wallach oder eine Stute, er ist aggressiver und schneller beriet, ein anderes Pferd anzugreifen oder es zu vertreiben. Das muss man als Halter oder Reiter stets im Hinterkopf behalten, wenn man sich und andere nicht in gefährliche Situationen bringen will. Er ist unheimlich von sich überzeugt und betrachtet es als seine Aufgabe, anderen Pferden permanent zu imponieren. Unter dem Sattel bedeutet das, dass er sich leicht ablenken lässt. Hengste müssen dementsprechend gefordert werden. Seine Aufgabe als Reitpferd ist es nicht, der kleinen Ponystute da vorn zu beweisen, was für ein toller Kerl er ist, sondern seine Lektionen korrekt auszuführen.
Damit ein Hengst erst gar nicht auf dumme Gedanken kommt, braucht er Arbeit um ausgeglichen und zufrieden zu sein. In der Dressur kann man sich sein Imponiergehabe wundervoll zunutze machen: starker Trab, Piaffe und Passage, Spanischer Schritt und Levade sind ja nichts anderes, als das natürliche Imponiergehabe des Hengstes, man muss sie nur abrufbar machen. Alle diese Bewegungen kann man bei Hengsten auch auf der Weide sehen. Der Hengst muss mehr als jedes andere Pferd gehorchen, und alle Befehle müssen durchgesetzt werden, sonst hat man verloren.


Das alles bedeutet übrigens nicht, dass Hengst unkalkulierbare Bestien sind. Mit einiger Erfahrung sind sie sogar sehr gut zu berechnen. Aber es bedeutet eben, dass man als Halter und Reiter ein gewisses dominantes Auftreten und ein großes Durchsetzungsvermögen haben muss. Manche Menschen besitzen diese Fähigkeit von Natur aus und haben ihr Leben lang nie ein Problem mit Pferd- oder Hundeerziehung, für andere jedoch ist das permanente Beharren auf Autorität ein gewaltiger Kraftakt. Nicht jeder Reiter möchte seinem Pferd immer wieder Paroli biete, und das allein ist schon ein Grund, die Sache mit dem Hengst gut zu überlegen.

 

Wie sieht es mit einer Stute aus?

Zuchtstuten werden in Spanien tatsächlich nicht geritten, nicht einmal um ihre Rittigkeit auszuprobieren. Bei manchen Züchtern werden die Stuten immerhin eingefahren, um ihren Arbeitswillen zu testen – etwas, was man früher auch mit der Cobra ausprobieren konnte. Um das Getreide zu dreschen, wurden drei bis fünf Stuten mit Halsriemen und Stricken in einer Reihe aneinander gebunden, um so in einem engen Zirkel nebeneinander über das Getreide zu laufen, Stunde um Stunde. Die beiden Stuten, die jeweils ganz innen und ganz aussen liefen, mussten die Zuverlässigsten sein: die Stute ganz innen ging die engsten Wendungen, die Stute aussen hielt sozusagen die Gruppe zusammen. Heute werden diese Cobras nur noch zu Showzwecken auf Messen oder Körveranstaltungen gezeigt, dafür allerdings mit bis zu neun Stuten. Wie brav, zuverlässig und charakterlich anständig sie sind, lässt sich aber noch immer hervorragend an dieser Methode ablesen.

In der Doma Vaquera werden fast hauptsächlich Stuten geritten. Auch im berittenen Stierkampf, dem Rejoneo, werden häufig und immer wieder Stuten eingesetzt – eines der besten Pferde des Rejoneadors Antonio Domecq war nach seiner eigenen Aussage eine Stute. Der Schönheit tut das weibliche Geschlecht keinen Abbruch: Die Spanischen Stuten sehen häufig viel weiblicher aus als etwa Stuten aus Sportpferdezuchten.
Ihre Hälse sind naturgemäß zwar meistens weniger muskulös als die der Hengste, ihre Mähne manchmal weniger üppig, aber das Pferd ist doch das gleiche mit dem schmalen, langen edlen Kopf und dem großen, sanften Auge. Stuten sind häufig menschenbezogener, wie sie ihren Hormonen weniger unterworfen sind als Hengste, ihre Intelligenz ist zielgerichteter und ihre Haltung unendlich viel einfacher. Stuten lassen sich problemlos auf die Weide stellen. Normalerweise schließen sie leicht Freundschaft mit anderen Pferden, und die Rosse viermal im Jahr geht gewöhnlich über die Bühne, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Spanische Stuten sind selten hysterisch, dafür charakterstark und vernünftig, und sie lassen sich ebenso leicht ausbilden wie die Hengste.

 

Kann das ein Wallach noch toppen?

In Spanien, wo Männlichkeit noch etwas bedeutet und man fest an die Machismo und alle damit zusammenhängenden Symbole glaubt, werden Hengste nicht kastriert, außer sie haben einen oder mehrere erhebliche Fehler: Sie sind charakterlich unzuverlässig oder wurden nicht gekört. In beiden Fällen will man sie als Liebhaber der echten Spanischen Pferde jedenfalls meistens nicht haben. Ein Spanisches Pferd möchte man sich gewöhnlich ja auch gerade wegen seines hinreißenden Charakters anschaffen, und die Körbestimmungen sind in Spanien so großzügig, das ein Hengst, der nicht gekört wird, ein so großes Problem haben muss, dass er mit einem P.R.E. nicht viel zu tun hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich keinen Hengst kaufen kann, um ihn hinterher kastrieren zu lassen, wenn man erst einmal beschlossen hat, dass sich in diesem speziellen Fall die Hengsthaltung als zu schwierig gestalten würde, aus welchen Gründen auch immer. Der „gelegte“ Hengst wird sich nach der Kastration über drei, vier Monate hinweg verändern: Seine Muskulatur wird sich wandeln, sein Hals wird etwas abnehmen, die Kruppe etwas leichter – alles Dinge, die durch regelmäßige Arbeit fast wieder vollständig aufgebaut werden können. Seine Mähne und der Schweif werden wahrscheinlich ein paar Monate nach der Kastration etwas dünner, später aber nachwachsen.

Je später der Hengst kastriert wird – je älter er also ist – desto geringer die Veränderungen. Ein Hengst jedoch, der ein-, zwei- oder dreijährig gelegt wird, kann von vornherein weniger Muskelmasse aufbauen und wird vergleichsweise immer etwas „schmalbrüstiger“ sein als sein „intakter“ Kollege. Er ist allerdings auch einfacher im Umgang, häufig lernwilliger, weil konzentrationsbereiter, lässt sich ohne Weiteres auf die Weide stellen und entspannter durchs Gelände reiten. Selbst das Verreisen mit einem wallach ist meist einfacher als mit einem Hengst, der normalerweise in jedem neuen Stall erst einmal alle anderen von seiner Herrlichkeit überzeugen möchte – Ausnahmen bestätigen die Regel!!
So, jetzt kann jeder potenzielle Pferdekäufer in sich gehen und in Ruhe überlegen, welches Geschlecht denn nun sein neuer Stallbewohner haben sollte.
Es sei hier noch angemerkt, dass nicht ein Pferd wie das andere ist. Im Endeffekt muss man individuell entsheiden.

 

 

 

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